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Berichte über den Luftkrieg rund um Götzens im zweiten Weltkrieg

80 Jahre Ende des zweiten Weltkriegs und nicht zuletzt die derzeitigen Ereignisse (Stichwort Drohnenkrieg) bieten sich an, die Aufzeichnungen über den Luftkrieg und die zahlreichen Fliegeralarme in und rund um Götzens von Marianne Oppacher, welche 1942-1945 Lehrerin in Götzens war, hier stark gekürzt in Erinnerung zu rufen. „Als ich schon wieder, nach den Ferien in…

80 Jahre Ende des zweiten Weltkriegs und nicht zuletzt die derzeitigen Ereignisse (Stichwort Drohnenkrieg) bieten sich an, die Aufzeichnungen über den Luftkrieg und die zahlreichen Fliegeralarme in und rund um Götzens von Marianne Oppacher, welche 1942-1945 Lehrerin in Götzens war, hier stark gekürzt in Erinnerung zu rufen.

„Als ich schon wieder, nach den Ferien in Götzens war, gab es oft Fliegeralarm, erst Vorwarnung. Da mussten wir die Schulkinder nach Hause schicken. Aber wir nahmen diese Warnungen und Überfliegungen durch fremde Flugzeuge nicht ernst. Wir meinten immer, Tirol sei schon durch die hohen Berge unangreifbar. In der Nähe von Götzens gegen Natters waren Fliegerabwehrkanonen aufgestellt. Westlich von Götzens in Kematen waren die wichtigen Messerschmiedwerke angesiedelt, Flugzeugherstellung, kriegswichtig.

Als ich nach den Weihnachtsferien, wahrscheinlich am 2. Jänner 1944, wieder nach Götzens musste, brauchte der Zug viel länger, als im Fahrplan vorgesehen. Als ich endlich spät abends in Innsbruck ankam, blies ein wilder Föhnsturm. Es war putzdunkel. … Zwischen dem Hauptbahnhof und der Bushaltestelle lagen ein paar hundert Meter. … Dort sollte das Postauto nach Götzens stehen. Aber die ganze Haltestelle war verschwunden, nur Trümmer. Papier, Sand und Staub flogen herum, überall schepperte und klapperte es und kein Mensch war zu sehen. Ich musste über die Trümmerhaufen klettern und um die Bombentrichter herumsuchen. Ich stolperte durch die dunkle Stadt immer auf der Route des Buses, in der Hoffnung, dass er ja irgendwo hergehen müsste. Da kam ich bis Peters Brünnerle, bis ich endlich den Bus fand.

Ich weiß nicht, wie oft ich Alarm notiert habe, aber am 5. April 1944 gingen mittags die Sirenen. Die Schulkinder wurden sofort nach Hause geschickt, da die Schule keinen Ort hatte, der Schutz geboten hätte. Am Freitag, 9. Juni 1944 flogen mittags starke Feindverbände über uns. Die FLAK schoss wütend nach ihnen. Ein Flugzeug flog getroffen weg, wir sahen die Rauchfahne, ein anderes Flugzeug stürzte ab, es fiel hinters Birgitzköpfl in die Schlick. Die Besatzung sahen wir mit Fallschirmen abspringen. Wir sahen lange die Männer in der Luft hängen und schließlich trieb sie der Wind in die Felsen der uns gegenüberstehenden hohen Berge in den Solstein. Aber ich dachte nicht daran, dass eine Landung mit dem Fallschirm nicht so einfach ist. Wahrscheinlich sind sie in den Felsen umgekommen. Ich hatte Angst vor ihnen, denn sie ließen uns die Bomben um die Köpfe fliegen.

In Götzens gab es keinen einzigen Luftschutzkeller, obwohl wir mit Innsbruck gemeinsame Gemeindegrenzen hatten. Einmal wurde gerade mittags Innsbruck angegriffen. Ich saß beim Altwirt in Götzens beim Mittagessen. Da waren die Druckwellen von Innsbruck aus so stark, dass ober uns die Lamellen des Ventilators so klapperten, dass wir lauter reden mussten, um uns zu verständigen. Das Essen schmeckte uns nur mittelmäßig gut.

Dienstag, 13.6.44 vormittag Fliegeralarm. Starke Feindverbände (amerikanische Neger) über Tirol, München und Franken. 3 Flugzeugabstürze, 9 Fallschirme; niedergegangen sind sie in unserer Gegend in Neugötzens, Völs und Kranebitten. Da konnte man Gift darauf nehmen, wenn strahlend blauer Himmel war, dann begann die FLAK zu schießen, wurde es jedesmal bewölkt und der Himmel verlor für diesen Tag die Sonne. Vom Dienstag auf Mittwoch nachts, 13.-14.6.1944 gab es um 1/2 12 Uhr Nachts Alarm. Mit einem unheimlichen dumpfen, singenden Dröhnen flog eine Welle nach der anderen über uns. Die FLAK schoss wild, wie noch nie. Plötzlich warfen die Flieger über Telfs und Mittenwald Leuchtkörper ab, die in der Luft stehen blieben und von Luftangriffen auf Deutschland uns als die gefürchteten und berüchtigten „Christbäume“ bekannt waren. Wir hatten das in der Wochenschau im Kino gesehen. Vielleicht suchten sie die Rüstungswerke in Kematen oder die wichtige Karwendelbahn. Durch diese Leuchtkörper wurde alles taghell und zwar für lange Zeit. Man hätte im Freien jede Zeitung lesen können. Es leuchtete weiter, ich weiß nicht, wie lange, ½ Stunde oder mehr oder weniger. Wir schlotterten vor Angst, denn unser Dorf lag so schön zwischen den Angriffszielen und wir hatten nicht den geringsten Schutz, so sahen wir zu. Meine Kollegin hatte auf ihrem Balkon auf dem Boden einen Topf mit Fleischsuppe stehen, mit einem Deckel drauf. Eine Druckwelle vom Luftangriff warf den Deckel auf den Stuhl hinauf. Um ½ 2 Uhr in der Früh, kam endlich Entwarnung. Wenn nachts Alarm war, schauten wir immer zuerst Richtung Deutschland. Von Götzens aus hat man einen unbeschreiblich schönen Fernblick. Je nachdem, wo sich der Himmel rot färbte, wussten wir, jetzt bombadieren sie Friedrichshafen, Stuttgart oder München.

Der April ging weiter, ich war wieder isoliert in Götzens. Jeder, der vielleicht Bescheid wusste, hielt den Mund, eine gute Idee, wenn jemand keine Scherereien wollte. Ich glaube, es war der 30. April 1945, da kam plötzlich meine Schulleiterin in meine Klasse und sprach mit verkniffenden Mund und hinter vorgehaltener Hand: „Schick gleich die Kinder heim!“ Ich sagte: „Ist denn Fliegeralarm? Ich habe gar keine Sirene gehört.“ „Nein, nein! Mach schnell!“ Als die Kinder weg waren, nahm sie mich in ihre Klasse mit und drückte mir Schriften in die Hand, noch und noch, die ich in den Ofen schieben musste. Nun wollte ich aber doch wissen, was los sei und sie sagte, dass die Amerikaner schon auf Rosenheim zu kämen. Da konnte mich nichts mehr halten (der nächste Tag war der 1. Mai und schulfrei) und ich sagte, daß ich heim nach Erl führe.“

Diese Schilderungen geben einen verständlicherweise subjektiven Einblick, wie der Kriegsalltag in Götzens durch diese Luftangriffe ausgesehen haben mag. Konkret sind zwei tatsächliche Götzner Opfer belegt. Beim ersten Luftangriff auf Innsbruck am 15. Dezember 1943 starb Kreszenz Abfalter (Haus Nr. 70a). Der vierte Angriff am 20. Oktober 1944 kostete Klara Zimmermann (Haus Nr. 17a) das Leben. Aber nicht nur Bombenopfer sondern auch der Absturz eines amerikanischen Fliegers am 8.12.1944 direkt in den Geroldsbach (in der Nähe der Einethöfe) ist für Götzens dokumentiert. Ein bemerkenswerter Eintrag von Frau Oppacher schildert zwar den Absturz eines Bombers in Mutters (13.06.1944), könnte aber auch für jenen in Götzens stehen:

„Einmal stand ich bei einem Tagesangriff auf Innsbruck am Fenster meines Zimmers und schaute in Richtung Innsbruck. Die FLAK schoss, wir sahen die Explosionswolken. Plötzlich stürzte ein viermotoriger Bomber getroffen, brennend ab. Ich sah ihn plötzlich so groß unmittelbar auf mich zustürzen, dass ich meinte, er müsste unbedingt genau in mein Fenster kommen. Ich war ganz erstarrt. Aber in seiner großen Geschwindigkeit gab es für ihn noch eine Drehung und er stürzte eine halbe Gehstunde entfernt ab. Wenn man den Ausgang vorher wüsste, hätte man sich oft nicht so aufregen müssen.“ Der Pilot der abgeschossenen Maschine, Leutnant Paul C. Keyser, war Mitglied der 52nd Fighter Group`s 2nd Fighter Squadron („American Beagle Squadron“) der U.S. Army Air Force und stationiert in Madna (Italien). Von der P-51D Mustang mit dem Spitznamen „Marie“ existieren Originalaufnahmen vor dem Abschuss und mittlerweile auch ein Modelbausatz. Ob das Bild „Ein Abschuss in Natters 1944“ den Flügel der „Marie“ zeigt, kann leider nicht mehr nachvollzogen werden. Im Schreiben an den Landrat des Kreises berichtet jedenfalls das Bürgermeisteramt Götzens, dass der Pilot „am 11. Dezember 1944 bei Geroldsbach … tot aufgefunden und am 12. Dezember 1944 im Ortsfriedhof in Götzens an der Westseite beerdigt wurde. Das Grab ist gekennzeichnet.“ Seine endgültige letzte Ruhestätte fand Lt. Paul C. Keyser schließlich am Soldatenfriedhof von St. Avold (Moselle) in Frankreich.

GESCHICHTE GESUCHT!
Ortsgeschichtlich interessante Funde, Bilder oder Hinweise wie immer erbeten an das Gemeindeamt oder per E-Mail an gemeinde@goetzens.gv.at

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